Was für eine Rede! Was für ein Parteitag! Wie nervös sind die Demokraten noch vor einer Woche gewesen. Sie hatten Angst vor sich selbst, Angst davor, es wieder zu vermasseln. In der Tat schien Barack Obama die Schraube der Inszenierung zu weit gedreht zu haben. Auch die Partei machte den Eindruck, noch immer gespalten zu sein. Zu allem Überfluss ist John McCain erfolgreich mit seiner Taktik gewesen, den jungen Senator als elitär, abgehoben und „out of touch“ mit normalen Amerikanern darzustellen; ihn als politisches Leichtgewicht zu portraitieren, das nur an den eigenen Erfolg denkt.
Der Druck auf Obama war also groß. Jeder wusste, dass Rhetorik seine Stärke ist, dass die Kraft seiner Worte ein Hauptgrund für seinen Aufstieg gewesen war. Deshalb war er dazu verdammt, eine gute Rede zu halten. Jeder noch so unwichtige Kommentator hatte Obama im Vorfeld einen medialen Waschzettel mit Dingen einstecken wollen, die er unbedingt berücksichtigen musste. Viele erkannten hier eine Schwäche, dort eine Panne, hier ein falsches Wort, dort einen strategischen Fehler, den es zu beheben galt. Die Blase des Obama-Märchens drohte zu platzen. Insgeheim freuten sich viele Beobachter, auch viele Status-Quo-Denker in Deutschland, schon hinter vorgehaltener Hand über den Abstieg des blumigen Kandidaten, der keine Substanz habe und nur die Show kenne.
Und dann solch eine Rede! War der Auftritt vor vier Jahren auf dem Parteitag in Boston Obamas Gesellenstück, das ihm den Zutritt zur großen nationalen Bühne ermöglichte, so muss diese Rede gestern Abend als sein Meisterstück gelten. Ich sage es nicht gerne, weil es unobjektiv klingt. Aber in der Tat hat Obama mit diesem Auftritt ALLES richtig gemacht. Ich möchte dies an drei Punkten erläutern.
1. Zukunft vs. Vergangenheit
Obama machte deutlich, worum es im Wahlkampf gegen John McCain geht. Aussagen wie „We are a better country than this“ oder „America, we cannot turn back“ verdeutlichten seine Marschrichtung. Der Kontrast zwischen den beiden Kandidaten wurde in dieser Rede überdeutlich. Auf der einen Seite stand John McCain, ein Symbol für Vergangenheit, für Status-Quo, für eine dritte Amtszeit der George W. Bush-Republikaner. Immer wieder verband Obama den Namen seines Konkurrenten mit dem des unbeliebten Präsidenten. Er machte deutlich, dass John McCain zu mehr als 90 Prozent den Vorschlägen George W. Bushs gefolgt ist. Obamas rhetorisch geniale Schlussfolgerung: „I am not ready to take a ten percent chance on change“. Sein Satz „Eight [years] is enough“ wird sicher zum Schlachtruf der Demokraten im Hauptwahlkampf werden. Auf der anderen Seite stand Obama als Repräsentant der Zukunft, des Aufbruchs in ein besseres Amerika. Unglaublich eindringlich verband er die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit seiner eigenen Lebensgeschichte und der Erzählung seines Landes, mit dem Glauben an Fortschritt, Reform und Neuerung.
2. Selbstbewusster Kämpfer
Obama war angetreten, einen anderen, idealistischeren Wahlkampf zu machen, der auf Negativität und das leidige Hin und Her von Anschuldigung und Gegen-Anschuldigung verzichten sollte. Das hielt ihn lange davon ab, offen auf die Attacken John McCains zu antworten. Er setzte sich damit den Anwürfen der Republikaner schutzlos aus. Am gestrigen Abend zeigte er aber seine Kämpfer-Qualitäten. Der Gutmensch machte deutlich, dass er in das Haifischbecken des Wahlkampfes steigen kann, dass er seine Positionen selbstbewusst vertritt und sich nicht scheut, sie klar mit denen des Gegenkandidaten zu kontrastieren. Sein vermeintliches Celebrity-Image wischte er mit einem emotionalen Verweis auf die bodenständige Geschichte seiner Familie weg. Selbstbewusst zählte er die außenpolitischen Fehleinschätzungen John McCains und George W. Bushs auf, um dann den eindringlichen Satz nachzuschieben: „If John McCain wants to have a debate about who has the temperament, and judgment, to serve as the next Commander-in-Chief, that's a debate I'm ready to have.“ Obama machte deutlich, dass es als Präsident vor allem auf das richtige Urteilsvermögen ankommt, nicht auf die Anzahl der Jahre, die man in Washington verbracht hat. Im Bereich der Wirtschaftspolitik wendete er eine Taktik auf John McCain an, die sonst gerne die Republikaner benutzen, um die demokratische Gegenseite zu attackieren. „Out of touch“ mit dem amerikanischen Volk sei nicht etwa Obama, sondern John McCain, der keinen Zugang zu den Sorgen und Nöten der kleinen Leute habe, so der junge Senator. Selbstsicher wischte Obama auch Zweifel am Patriotismus der Demokraten weg. Er rief mit viel Chuzpe in die Menge, mit festem Blick direkt in die Kamera: „We all put our country first.“
3. Details und Rhetorik
Obama wurde vorgeworfen, dass er zu blumig aufgetreten sei, dass es seinen Reden an der nötigen Erdung durch konkrete politische Inhalte fehle. Das war an diesem Abend anders. Bewusst nahm er sich zehn bis 15 Minuten, um konkrete politische Vorschläge zu machen. Diese weckten zum Teil sogar allzu konkrete Hoffnungen – wie etwa die Zahl von fünf Mio. Jobs, die durch die Förderung der Ököindustrie entstehen würden, oder das Verprechen, Amerika werde in zehn Jahren unabhängig von Öl aus dem Mittleren Osten sein. Insgesamt aber war es wichtig zu zeigen, dass sich ein greifbares Programm hinter Obamas Rhetorik verbirgt. Aber, wie auch schon im Vorwahlkampf, standen die Themen und die Sachpolitik nicht im Vordergrund, sie waren vielmehr Teil einer größeren Erzählung. Das ist schlau, denn Wähler sind keine „policy wonks“, wie man in den USA so schön sagt. Obama hat ein unglaublich detailliertes Programm, aber er weiß, dass es nicht auf die rationale Rezitation seiner Positionen ankommt, sondern darauf, Sachpolitik greifbar zu machen, indem man sie in eine emotionale Erzählung, in einen rhetorischen Mantel kleidet, der Menschen emotional anspricht. Das mag für deutsche Ohren platt klingen. Nur so findet man aber erst Zugang zum Bewusstsein des Wählers, der weitaus gefühliger denkt und handelt als gemeinhin angenommen wird.
Insgesamt hätten diese vier Tage in Denver nicht besser laufen können. An wenigen Terminen im Wahljahr hat man die ungeteilte Aufmerksamkeit einer großen Masse von Wählern. Parteitage sind solche Momente. Sie müssen eine klare Botschaft haben, die die Richtung im Hauptwahlkampf vorgibt. Die Botschaft der Demokraten heißt: Wir sind vereint! Wir sind selbstbewusst! Wir sind der Wandel!
Hier die glanzvolle Rede Obamas. Ein Muss für jeden Redenschreiber und Politiker:
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